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15. Mai 2012

Geschichte des Kirchenkreises

(von Pfr. Karlfriedrich Schikora)

Die Kreissynode Soest (heute: Kirchenkreis) wurde am 9. Juli 1818 als Teil der Westfälischen Provinzialkirche der Altpreußischen Union durch Anordnung der konsistorialen und staatlichen Aufsichtsbehörden ins Leben gerufen. Zuvor hatte die Verordnung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. vom 30. April 1815 die Errichtung von Provinzialkirchen und leitenden Kirchenbehörden (Konsistorien) in den preußischen Provinzen angeordnet. Unter dem Vorsitz des Oberpräsidenten der Provinz hatten die Konsistorien zunächst das staatliche Aufsichtsrecht, das ius circa sacra, über die äußeren Kirchenangelegenheiten auszuüben. Sie waren dabei dem preußischen Innenministerium nachgeordnet.

Zur Kreissynode Soest, die seitdem ein ordentliches Mitglied der Märkischen Gesamtsynode war, gehörten nun die lutherischen und reformierten Gemeinden der Stadt Soest und der Soester Börde: Lohne, Sassendorf, Weslarn, Neuengeseke, Welver, Meiningsen, Ostönnen, Schwefe, Dinker, Borgeln, und die Kirchengemeinden Lippstadts, insgesamt 21 Gemeinden mit 24 Pfarrern und 14.330 Seelen. Ständiger Tagungsort der Kreissynode war seit 1820 Soest. 1821 einigte man sich darauf, alle zehn Jahre einmal die Synode in Lippstadt abzuhalten.

Für Soest und Lippstadt bedeutete diese Entwicklung ein abruptes Ende ihrer kirchlichen Selbstverwaltung. Das ius ecclesiasticum (das interne kirchliche Recht, d. h.: Berufung bzw. Ordination der Geistlichen, Visitation, kirchliche Gesetzgebung und Gerichtsbarkeit, Leitung von Synoden und Vermögensverwaltung), das der Stadt Soest noch verblieben war, ging nun an die neu geschaffene konsistoriale Behörde über. Der Magistrat Soests büßte damit zugleich sein Mitwirkungsrecht bei Pfarrwahlen ein. In Lippstadt wurde 1819 das dortige selbständige Kirchenregiment in Gestalt des Commissarius in ecclesiasticis abgeschafft. Unberührt hiervon blieb das Lippstädter Kondominium (die Samtherrschaft), die im Jahre 1445 zwischen Kleve-Mark und Lippe geschaffene Doppelherrschaft; sie endete (auch in Hinsicht auf die Kirchenhoheit) erst 1851, nachdem sie den Wechsel zu Brandenburg-Preußen / Lippe in den Jahren 1614/1666 und selbst die napoleonische Zeit überdauert hatte.

Am 1. bis 12. November 1819 tagte in Lippstadt die erste Westfälische Provinzialsynode. Sie war ein Meilenstein auf dem Weg zu einer presbyterial-synodalen Kirchenverfassung. Ihrem Entwurf einer presbyterial-synodalen Kirchenordung konnte sich die preußische Obrigkeit auf Dauer nicht mehr entziehen. Nach Einführung der Rheinisch-Westfälischen Kirchenordnung wurde Soest von 1835 an für nahezu 100 Jahre der Tagungsort der westfälischen Provinzialsynoden. Erst das Dritte Reich und der Kirchenkampf beendeten diese Tradition.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Industrialisierung und Zuzug preußischer Beamtenschaft) kam es zu einem deutlichen Anwachsen der evangelischen Bevölkerungsteile im (katholischen) kurkölnischen Sauerland, heute: Hochsauerlandkreis. Die evangelischen Gemeinden, die sich dort bildeten, suchten schon bald die kirchliche und verwaltungsmäßige Gemeinschaft des Kirchenkreises Soest: 1834 trat die ev. Kirchengemeinde Arnsberg - bis dahin mit dem Kirchenkreis Iserlohn verbunden - der Kreissynode Soest bei. Am 25. Oktober 1843 beschloss die Kreissynode ihre Erweiterung um die Gemeindeneugründungen: Werl, Brilon, Medebach, Meschede, Warstein-Belecke. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die vier Sauerlandgemeinden mit dem rechtlichen Status von "Filialgemeinden" der Kirchengemeinde Arnsberg begnügen müssen. 1846 erfolgte die Einpfarrung der in Herzfeld wohnenden Evangelischen in die Ev. Kirchengemeinde Weslarn, während die evangelische Bevölkerung in Liesborn und Wadersloh der Ev. Kirchengemeinde Lippstadt zugeordnet wurden. Im selben Jahr ließen sich die Ortschaften: Hallenberg, Winterberg, Niedersfeld und Grönebach in die Gemeinde Medebach einpfarren; 1849 schlossen sie sich als Kirchengemeinde Winterberg dem Kirchenkreis Wittgenstein an. Die Kirchengemeinde Medebach blieb dagegen beim Kirchenkreis Soest.

1864 bzw. 1870 wurde der Kirchenkreis Soest um die evangelischen Gemeindebildungen in Erwitte und Geseke, die bis 1951 als Filialgemeinden der Kirchengemeinde Lippstadt geführt wurden, erweitert.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war auch im Kirchenkreis Soest die Stunde der Inneren Mission. Spiritus rector der christlichen "Liebesarbeit" in Lippstadt war nach 1848 der Hauptpastor an Groß-Marien, Friedrich Gangolf Dreckmann, der sich seit 1864 Dreieichmann nannte. Auf seine Initiative hin erfolgte (1851) in Lippstadt die Gründung eines evangelischen Waisen- und Krankenhauses. Kosten und Unterhalt des erweiterten Armen- und Krankenhauses wurden bald darauf zur Gemeinschaftsaufgabe aller evangelischen Kirchengemeinden in Lippstadt. So kam es zu Beginn des Jahres 1887 zum Zusammenschluss aller in Lippstadt angesiedelten evangelischen Kirchengemeinden. Seitdem bilden Groß- Marien, die Evangelische Vereinigte Jakobi-Gemeinde, die Stifts-Gemeinde sowie die Reformierte Gemeinde eine Kirchengemeinde mit einem Presbyterium. 1866 richtete Pfarrer Friedrich G. Dreieichmann in einigen Räumen des Lippstädter Gemeindehauses ein Wohnheim und eine Verpflegungsstation für Obdachlose ("Herberge zur Heimat") ein. In Soest begann das Zeitalter der Inneren Mission mit dem seit 1837 an der Wiesekirche tätigen Pfarrer und späteren Generalsuperintendenten der westfälischen Kirchenprovinz, Julius Wiesmann. Er förderte in der Stadt Soest nicht allein die evangelische Vereinstätigkeit, sondern eröffnete auch 1851 ein "Rettungshaus für verwahrloste Mädchen" in einem Gebäude des St. Walpurgis Stifts. Anfang der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts beauftragte die Kreissynode Soest die Presbyterien in Werl und Arnsberg mit der Betreuung von Strafgefangenen.

Auf Anregung des Evangelischen Oberkirchenrats in Berlin entdeckte der Kirchenkreis Soest nach 1868 für sich die Kindergottesdienstarbeit. Nach dem angloamerikanischen Vorbild der Sonntagsschule entstand in Soest Anfang 1870 der erste Kindergarten als Stätte kirchlicher Unterweisung von Kindern und Jugendlichen. Durch den 1875 an die Wiese-Georgs-Gemeinde berufenen Pfarrer Kögel erfuhr die Kindergottesdienstarbeit in den folgenden Jahren besondere Förderung. 1885 wurde bereits in vier Stadtgemeinden regelmäßig Kindergottesdienst gefeiert. 1852 bekam der Kirchenkreis Soest mit der kirchlichen Wochenzeitung "Der Tag des Herrn" sein eigenes publizistische Organ.

Das 20. Jahrhundert

Auf Initiative der Inneren Mission wurde 1904 das Evangelische Versorgungshaus - Heim für Mutter und Kind - als Zufluchtsstätte für ledige Mütter ("erstgefallene und sittlich gefährdete Mädchen") eingerichtet. Die Betreuung wurde von sechs Schwestern aus dem Wittener Diakonissenhaus wahrgenommen.

Zwischen 1933 und 1945 - der Zeit des Dritten Reiches - war die Pfarrerschaft des Kirchenkreis Soest in eine Gruppe von bekenntnistreuen Pfarrern ("Bekennende Kirche") und in Anhängern der nationalsozialistischen Glaubensgemeinschaft "Deutsche Christen" gespalten. Erster und bislang einziger (Provinzial)bischof der Westfälischen Provinzialkirche wurde mit dem westfälischen Provinzialleiter der DC, Bruno Adler, ein Pfarrer aus dem Soester Kirchspiel Weslarn. Nach Ende des 2. Weltkrieges wurde sein Gegenspieler, der Bekenntnispfarrer Paul Dahlkötter aus Lippstadt, Superintendent des Kirchenkreises Soest, Bruno Adler hingegen versetzte die westfälische Kirchenleitung in den vorzeitigen Ruhestand. Bis zu seinem Tode arbeitete B. Adler als Gärtnereigehilfe.

Anfang 1951 wurde aus einer Vielzahl von kleinen, südlich der Haar, am Fuße des kurkölnischen Sauerlands gelegenen Möhnedörfern die Evangelische Möhne-Kirchengemeinde als neues Mitglied des Kirchenkreis Soest gegründet. Zum 1. Januar 1964 wechselte der reformierte Gemeindebezirk Cappel, seit alters her eine Exklave der lippischen Landeskirche, in die Kirchengemeinde Lippstadt / Kirchenkreis Soest.

Am 1. Juli 1964 trennten sich die evangelischen Kirchengemeinden des Hochsauerlandkreis unter Führung des vormaligen Soester Superintendenten Werner Philipps vom Kirchenkreis Soest und bildeten den Kirchenkreis Arnsberg. Superintendent des "neuen" Kirchenkreises Soest wurde Pfarrer Arnold Willer aus Lippstadt.

Unter seiner Leitung am 1. Januar 1972 kam es zur Errichtung des Kreiskirchenamtes, bis 1975 mit Sitz in Lippstadt und von da an in Soest. Ebenfalls Anfang 1971 wurde die St. Pauligemeinde in Soest geteilt. Ihr Innenstadtbereich kam zur St. Petrigemeinde, der außerhalb der Stadtmauer befindliche Pauli-Südbezirk wurde der 2. Pfarrbezirk der Ev. Johannes-Kirchengemeinde zugeteilt.

Anfang 1972 wurde die aus zwei Pfarrstellen bestehende Evangelische Johannes-Kirchengemeinde aus Wohngebieten am südöstlichen Stadtrand von Soest gebildet, die vormals zu den Stadtgemeinden von St. Thomä und St. Pauli gehörten.

Mitte des Jahres 1975 kündigte sich die bislang letzte Erweiterung des Kirchenkreises Soest an. Als unmittelbare Folge der kommunalen Neuordnung in Nordrhein-Westfalen zu Beginn der 70er Jahre sah eine Übereinkunft zwischen der Lippischen und Westfälischen Landeskirche die Umpfarrung der Evangelisch-Reformierten Kirchengemeinde Lipperode vor. Die Kirchengemeinde Lipperode, die bis dahin der Lippischen Landeskirche angehört hatte, wechselte zum 1. Januar 1976 in den Bereich der Evangelischen Landeskirche von Westfalen. Neben der alten reformierten Stadtgemeinde Soests sollte sie die zweite evangelische Gemeinde des Kirchenkreises Soest werden, die sich dem reformierten Bekenntnis in Gestalt des Heidelberger Katechismus verpflichtet weiß. Anfang 1977 wurden die beiden Seelsorgebezirke: Ense/Bremen und Benninghausen in ordentliche Pfarrstellen umgewandelt.

Mitte der 90er Jahre nötigte ein stetig sinkendes Kirchensteueraufkommen die Kirchengemeinden der Westfälischen Landeskirche zu einschneidenden Strukturveränderungen, um gezielte Haushaltseinsparungen vornehmen zu können. Zu diesem Zweck einigte sich im November 1996 die Synode des Kirchenkreises Soest und Arnsberg auf eine Zusammenlegung ihrer beiden Verwaltungen und Diakoniewerke. Seit Februar 2003 führt Pfarrer Hans König als Superintendent den Kirchenkreis Soest.

(ergänzt von Pfr. Johannes Majoros-Danowski:)

Die drei Diakonischen Werke in Hamm, in den Kreisen Hochsauerland-Soest und im Kreis Unna haben sich 2006 die gemeinsame Dachorganisation Diakonie Ruhr-Hellweg gegeben und sich zum 1. Januar 2008 vereinigt.

Der Kirchenkreis Soest trägt seit dem 1. Oktober 2007 den Namen "Evangelischer Kirchenkreis Soest".

Seit September 2011 ist Dieter Tometten Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Soest.

Zuletzt bearbeitet am Mo 05 Sep 2011 11:43:02 CEST
von Johannes Majoros-Danowski